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Autismus verstehen12. Mai 20266 Min. Lesezeit

AuDHD: Wenn ADHS und Autismus zusammenkommen

Keine offizielle Diagnose, aber eine reale und häufig unterschätzte Kombination.

Zwei überlappende Gehirn-Illustrationen, die die Kombination aus ADHS und Autismus-Spektrum-Störung symbolisieren.

Von Julian Thewes

Ein Begriff, der vor wenigen Jahren kaum jemand kannte, taucht inzwischen überall in sozialen Netzwerken auf: AuDHD, die Kombination aus Autismus-Spektrum-Störung und ADHS.

Zwei eigenständige Diagnosen, eine gemeinsame Wurzel

AuDHD ist kein Fachbegriff aus dem ICD-11 oder DSM-5. Klinisch werden Autismus und ADHS weiterhin als zwei getrennte Diagnosen gestellt, die bei ein und derselben Person gleichzeitig vorliegen können. Der Community-Begriff beschreibt genau diese Kombination. Einen ausführlichen Überblick zur autistischen Seite dieser Konstellation bietet Autismus bei Erwachsenen.

Und sie kommt häufiger vor, als lange angenommen. Eine Übersichtsarbeit zu gemeinsamer genetischer Grundlage und überlappender Symptomatik (Antshel & Russo, 2019) beschreibt substanzielle Überschneidungen zwischen beiden Störungen, mit geteilten genetischen Risikofaktoren und ähnlichen Beeinträchtigungen in sozialer Funktion und Exekutivfunktionen. Wie viele Menschen mit ADHS zusätzlich die Kriterien für Autismus erfüllen, schwankt zwischen einzelnen Studien erheblich, von Schätzungen im niedrigen zweistelligen Bereich bis zu deutlich höheren Werten in bestimmten Stichproben. Diese Schwankung zeigt vor allem eines: Wie stark das Ergebnis von der jeweiligen Erhebungsmethode abhängt, und wie wenig verlässlich pauschale Prozentangaben in diesem Bereich sind.

Warum sich beide Störungen gegenseitig verschleiern

Beide Störungen beeinflussen Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung und soziale Interaktion, allerdings aus entgegengesetzten Richtungen. ADHS geht häufig mit einem Bedürfnis nach Abwechslung und neuen Reizen einher. Autismus geht häufig mit einem Bedürfnis nach Routine und Vorhersehbarkeit einher. Treffen beide in einer Person zusammen, entsteht ein Profil, das sich nicht einfach aus der Summe der beiden Einzelbilder ergibt.

Diese gegenläufige Dynamik erschwert die Diagnostik erheblich. Ausgeprägte soziale Routinen können impulsive ADHS-Symptome überdecken. Umgekehrt kann die für ADHS typische Unstetigkeit autistische Verhaltensmuster wie Sonderinteressen oder Bedürfnis nach Struktur verschleiern. Wird nur eine der beiden Störungen erkannt, bleibt die andere oft jahrelang unentdeckt, und ausgerechnet die Behandlung der erkannten Störung kann Symptome der übersehenen verschärfen.

Ein Warnsignal für die Diagnostik

Ein Hinweis darauf, dass mehr als nur eine der beiden Störungen vorliegt: Standardtherapien wirken nicht wie erwartet. Wenn eine ADHS-Behandlung soziale Erschöpfung oder Sensibilität gegenüber Veränderungen unerwartet verstärkt, oder wenn eine autismusspezifische Herangehensweise die Konzentrationsprobleme unberührt lässt, lohnt sich der Blick auf die jeweils andere Möglichkeit.

Warum eine sorgfältige Abklärung hier besonders zählt

Bei einem Verdacht auf beide Störungen braucht die Diagnostik besondere Sorgfalt, weil Standardfragebögen für eine Störung allein entwickelt wurden und Überlappungen leicht falsch einordnen. Eine gründliche Anamnese, die beide Möglichkeiten von Anfang an mitdenkt, macht hier den entscheidenden Unterschied.

Bei Attentia führen klinische Psycholog:innen ADHS-Diagnostik für Erwachsene durch, mit Online-Vorbereitung und persönlichem Interview in Wien. Wenn zusätzlich der Verdacht auf Autismus im Raum steht, sprechen Sie das im Erstkontakt offen an, damit die Abklärung von Beginn an darauf ausgerichtet werden kann. Mehr zu unserer eigenständigen Autismus-Diagnostik finden Sie auf der entsprechenden Seite. Den Ablauf finden Sie hier, Termine unter www.attentia.at.

Quellen

Antshel KM, Russo N. Autism Spectrum Disorders and ADHD: Overlapping Phenomenology, Diagnostic Issues, and Treatment Considerations. Curr Psychiatry Rep. 2019;21(5):34. doi:10.1007/s11920-019-1020-5