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ADHS verstehen23. Dezember 20255 Min. Lesezeit

"TikTok sagt, ich habe ADHS." Und jetzt?

Irgendwann sitzt man da und denkt: Das bin ja alles ich.

Eine Person scrollt auf dem Smartphone durch Social-Media-Videos, während im Hintergrund weitere Bildschirme ADHS-Inhalte zeigen.KI-generiertes Bild

Von Julian Thewes

Es beginnt mit einem Video. Jemand beschreibt, wie er Nachrichten tagelang unbeantwortet lässt, obwohl er die Person mag. Wie sie in Gesprächen den Faden verliert, weil ein einziges Wort drei Gedankenketten auslöst. Der Algorithmus merkt sich das Zögern vor dem Weiterwischen, und zwei Wochen später besteht der halbe Feed aus ADHS-Content.

Was an der Selbsterkennung echt ist

Zuerst das, was oft zu kurz kommt: Diese Erfahrung verdient Ernsthaftigkeit. Viele Menschen, gerade junge Frauen, sind über Social Media zum ersten Mal auf die Idee gekommen, dass ihre lebenslangen Schwierigkeiten einen Namen haben könnten. Ein Teil von ihnen erhält später tatsächlich eine Diagnose. Dass der Verdacht von TikTok kommt, macht ihn weder richtig noch falsch.

Was der Algorithmus nicht leisten kann

Das Problem liegt woanders. Eine Untersuchung der 100 populärsten ADHS-Videos auf TikTok (Yeung et al., 2022) stufte etwa die Hälfte als irreführend ein, und keines der irreführenden Videos empfahl, die Symptome professionell abklären zu lassen, bevor man sie ADHS zuschreibt.

Der Mechanismus dahinter ist kein böser Wille. Kurze Videos leben von Wiedererkennung, und die Symptome, die sich am besten dafür eignen, sind genau die universellen: Aufschieben, Ablenkbarkeit, verlegte Schlüssel, Chaos im Kopf. All das kennt fast jeder Mensch. Für eine ADHS-Diagnose zählt das Gesamtbild: Besteht das Muster seit der Kindheit? Zeigt es sich in mehreren Lebensbereichen? Richtet es echten Schaden an? Und gibt es keine bessere Erklärung, etwa eine Depression, eine Angststörung oder schlicht chronischen Schlafmangel?

Diese Fragen kann kein Feed beantworten, weil der Algorithmus nur sieht, wobei Sie hängen bleiben. Ihre Schulzeit kennt er nicht.

Der Zwischenraum, in dem viele feststecken

Wer sich in den Videos wiedererkennt, landet oft in einem unangenehmen Zwischenzustand: zu viele Treffer, um das Thema wegzulegen, zu unsicher, um von ADHS zu sprechen. Manche richten sich in diesem Zustand jahrelang ein, mit einer Selbstdiagnose, die alles erklären soll und nichts verändert.

Genau dafür gibt es einen Ausweg, und er ist unspektakulärer als der Feed suggeriert: eine strukturierte Abklärung. Sie nimmt den Verdacht ernst und prüft ihn mit den Mitteln, die dafür entwickelt wurden, im Gespräch mit klinischen Psycholog:innen, mit standardisierten Verfahren und mit Blick auf Ihre gesamte Geschichte statt auf 60 Sekunden Ausschnitt.

Vom Verdacht zum Ergebnis

Am Ende der Abklärung wissen Sie, woran Sie sind: entweder eine Diagnose, mit der sich arbeiten lässt, oder die fundierte Antwort, dass Ihre Schwierigkeiten eine andere Ursache haben, um die Sie sich dann gezielt kümmern können. Beides ist mehr, als ein Feed je liefern wird.

Wie die Diagnostik bei Attentia abläuft, online vorbereitet und mit klinischem Interview persönlich in Wien, lesen Sie hier. Termine finden Sie unter www.attentia.at.

Quellen

Yeung A, Ng E, Abi-Jaoude E. TikTok and Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Cross-Sectional Study of Social Media Content Quality. Can J Psychiatry. 2022;67(12):899–906. doi:10.1177/07067437221082854