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ADHS verstehen26. Juli 20268 Min. Lesezeit

Was ist ADHS? Ursachen, Symptome und der Weg zur Diagnose

Zwischen erfundener Modediagnose und Erklärung für alles liegt, was der Forschungsstand tatsächlich zeigt.

Illustration eines Kopfes mit einem Gehirn aus vernetzten Punkten, einer Glühbirne darüber und einer DNA-Doppelhelix, die als Wurzeln in den Boden reicht, als Sinnbild für die neurobiologischen und genetischen Grundlagen von ADHS.

Von Julian Thewes

Kaum eine Diagnose wird so häufig diskutiert und so selten präzise beschrieben wie ADHS. In öffentlichen Debatten schwankt das Bild zwischen zwei Extremen: einer erfundenen Modediagnose für schlecht erzogene Kinder auf der einen Seite, einer Erklärung für jede Form von Unordnung und Vergesslichkeit auf der anderen. Beide Bilder haben mit dem Forschungsstand wenig zu tun. Dieser Überblick fasst zusammen, was ADHS ist, woher sie kommt, wie sie sich in verschiedenen Lebensphasen zeigt und wie eine Diagnose zustande kommt.

ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. In den aktuellen Diagnosesystemen ICD-11 und DSM-5 gilt sie als neurobiologische Entwicklungsstörung, die in der Kindheit beginnt. Entscheidend an dieser Einordnung sind drei Punkte.

Erstens: Der Beginn liegt immer in der Kindheit. Eine ADHS entsteht nicht mit dreißig durch Stress im Job und nicht mit sechzehn durch zu viel Bildschirmzeit. Wer die Diagnose als Erwachsener erhält, hatte die Störung bereits als Kind, sie wurde nur nicht erkannt.

Zweitens: Es geht um Regulation, nicht um Fähigkeit. Die Aufmerksamkeit von Menschen mit ADHS fehlt nicht grundsätzlich, sie lässt sich schwer dorthin steuern, wo sie gerade gebraucht wird. Deshalb kann dieselbe Person eine langweilige Steuererklärung monatelang aufschieben und sich gleichzeitig acht Stunden ohne Pause in ein fesselndes Thema vertiefen.

Drittens: Für eine Diagnose zählt das Ausmaß und die Auswirkung der Merkmale, nicht ihr bloßes Vorhandensein. Unaufmerksamkeit, Unruhe und Impulsivität kennt jeder Mensch in irgendeinem Grad. Diagnostisch relevant wird das Muster erst, wenn es seit der Kindheit besteht, mehrere Lebensbereiche betrifft und das Leben spürbar beeinträchtigt.

Wie häufig ADHS tatsächlich ist

Bei Kindern im Schulalter liegt die Prävalenz in internationalen Untersuchungen bei etwa fünf Prozent. Für das Erwachsenenalter schätzt eine globale Metaanalyse (Song et al., 2021) den Anteil derjenigen, bei denen eine seit der Kindheit bestehende ADHS fortbesteht, auf rund 2,6 Prozent; bei symptomatischer ADHS im Erwachsenenalter liegt die Schätzung bei knapp sieben Prozent.

Diese Zahlen sind aus zwei Richtungen aufschlussreich. Sie zeigen, dass ADHS keine Rarität ist, aber ebenso, dass sie nicht auf jeden Zweiten zutrifft. Und sie stehen in deutlichem Kontrast zu den tatsächlich dokumentierten Diagnosen: Eine Auswertung britischer Primärversorgungsdaten über 25 Jahre (John et al., 2026) fand deutlich weniger dokumentierte ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen, als die Prävalenzschätzungen erwarten lassen, am stärksten ausgeprägt bei älteren Erwachsenen. Die naheliegende Erklärung ist eine Lücke zwischen Häufigkeit und Erkennung.

Woher ADHS kommt: der Forschungsstand zu den Ursachen

Die Ursachenfrage ist der Punkt, an dem sich öffentliche Debatte und Forschungsstand am weitesten auseinanderbewegen. Der zentrale Befund: ADHS gehört zu den am stärksten erblich beeinflussten psychischen Störungsbildern überhaupt.

Faraone und Larsson (2019) fassten 37 Zwillingsstudien zusammen und errechneten eine durchschnittliche Erblichkeit von etwa 74 Prozent. Zum Vergleich liegt damit ADHS in einem Bereich, der mit Autismus, bipolaren Störungen und Schizophrenie vergleichbar ist. Bei Verwandten ersten Grades von Betroffenen ist das Risiko nach Übersichtsarbeiten etwa fünf- bis zehnfach erhöht. Zur ebenfalls stark erblich beeinflussten Autismus-Spektrum-Störung, die häufig gemeinsam mit ADHS auftritt, finden Sie einen eigenen Überblick unter Autismus bei Erwachsenen.

Wichtig ist, was daraus nicht folgt. Es gibt kein einzelnes ADHS-Gen. Die Störung ist polygen, das heißt, sehr viele genetische Varianten mit jeweils sehr kleinem Effekt tragen gemeinsam zum Risiko bei. Genomweite Assoziationsstudien erklären über häufige Varianten bislang nur einen Teil dieser Erblichkeit, was darauf hindeutet, dass auch seltene Varianten eine Rolle spielen. Ein Gentest, der ADHS feststellt, existiert nicht und wird auf absehbare Zeit nicht existieren.

Neben der genetischen Komponente werden Umweltfaktoren diskutiert, etwa Komplikationen in der Schwangerschaft oder ein sehr niedriges Geburtsgewicht. Hier ist Vorsicht angebracht: Solche Zusammenhänge sind statistisch beobachtbar, ihre Ursächlichkeit ist schwer von genetischen Faktoren zu trennen, die in derselben Familie ohnehin vorliegen.

Was sich nach heutigem Stand als Ursache nicht halten lässt: Erziehungsfehler, Zucker und Bildschirmzeit. Zur letzten Frage gibt es Forschung, die einen moderaten statistischen Zusammenhang zwischen intensiver Mediennutzung und ADHS-artigen Symptomen findet, ohne Kausalität zu belegen; die Details dazu behandelt Macht Social Media ADHS?. Der Umgang mit Symptomen lässt sich durch Umfeld und Erziehung beeinflussen, das Vorliegen der Störung selbst nicht.

Wie sich ADHS in verschiedenen Lebensphasen zeigt

Das öffentliche Bild von ADHS stammt aus dem Klassenzimmer: das Kind, das nicht sitzen bleiben kann. Dieses Bild beschreibt eine von mehreren Erscheinungsformen, und es beschreibt vor allem die Kindheit.

Mit dem Alter verändert sich die Erscheinungsform. Die äußere Hyperaktivität nimmt bei vielen ab und verlagert sich nach innen, als Gefühl ständiger Getriebenheit, als Unfähigkeit, einen freien Abend zu genießen, als Bein, das unter dem Schreibtisch wippt. Organisationsprobleme, chronisches Aufschieben und emotionale Übersteuerung treten in den Vordergrund. Einen ausführlichen Überblick über diese Erwachsenenform bietet ADHS-Symptome bei Erwachsenen.

Daneben gibt es das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild, umgangssprachlich oft ADS genannt, bei dem Zappeligkeit vollständig fehlen kann und trotzdem eine erhebliche Beeinträchtigung besteht. Was hinter dieser Unterscheidung steckt, erklärt ADS oder ADHS?.

Dass sich die Erscheinungsform unterscheidet, hat direkte Folgen für die Diagnosewahrscheinlichkeit. Bei Mädchen und Frauen zeigt sich ADHS häufiger unauffällig, weshalb Diagnosen dort oft erst nach Jahrzehnten gestellt werden, wie ADHS bei Frauen beschreibt. Bei Männern liegt die Hürde eher im Hilfesuchverhalten, ein Thema, das Wenn Männer ihre eigenen Symptome überhören aufgreift. Und weil äußere Struktur lange kompensieren kann, fällt bei vielen erst mit dem Berufseinstieg oder in späteren Lebensumbrüchen auf, dass etwas nicht stimmt, siehe ADHS im Studium und ADHS mit 50.

Was häufig zusätzlich auftritt

ADHS kommt selten allein. Hartman und Kolleg:innen (2023) fanden bei Erwachsenen mit ADHS ein etwa fünffach erhöhtes Risiko für Angststörungen, ein 4,5-fach erhöhtes für Depressionen und ein 4,6-fach erhöhtes für Suchterkrankungen im Vergleich zu Menschen ohne ADHS.

Diese Begleiterkrankungen sind für die Diagnostik doppelt bedeutsam. Sie verursachen häufig den akuten Leidensdruck, der Menschen überhaupt in Behandlung bringt, und sie können die dahinterliegende ADHS verdecken, weil Konzentrationsprobleme und Antriebslosigkeit auch zu einer Depression passen. Wie diese Verwechslung entsteht, beschreibt ADHS und Depression; die Abgrenzung zu einem Burnout behandelt ADHS oder Burnout?. Auch Schlafprobleme treten auffällig häufig auf, dazu mehr in ADHS und Schlafprobleme.

Wie eine Diagnose zustande kommt

Es gibt keinen einzelnen Test für ADHS, kein Blutbild und keine Bildgebung, die die Diagnose stellt. Eine seriöse Abklärung setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen: der aktuellen Symptomatik, ihrer Geschichte seit der Kindheit, den Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche und der systematischen Prüfung, ob eine andere Erklärung besser passt. Dieser letzte Schritt, die Differentialdiagnostik, ist der anspruchsvollste Teil, weil Konzentrationsprobleme auch bei Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen oder Schilddrüsenerkrankungen auftreten.

Online-Selbsttests können einen Verdacht erhärten, aber keine Diagnose stellen; was sie leisten und wo ihre Grenze liegt, erklärt ADHS-Test für Erwachsene. Den konkreten Ablauf einer vollständigen Abklärung beschreibt Wie läuft eine ADHS-Diagnostik ab?.

Was nach einer Diagnose möglich ist

Eine Diagnose ist keine Verpflichtung zu einem bestimmten Behandlungsweg. Internationale Leitlinien empfehlen ein multimodales Vorgehen, in dem je nach Situation medikamentöse Behandlung, Psychotherapie sowie Coaching und Alltagsstrategien kombiniert werden. Medikamente dürfen in Österreich ausschließlich Ärzt:innen verschreiben, in der Regel Fachärzt:innen für Psychiatrie; einen sachlichen Überblick über die Wirkstoffgruppen gibt ADHS-Medikamente für Erwachsene. Welche Schritte sonst folgen können, behandelt Was passiert nach der ADHS-Diagnose?.

Bei Attentia führen klinische Psycholog:innen die ADHS-Diagnostik durch, im bevorzugten hybriden Ablauf mit Online-Vorbereitung und persönlichem Interview in Wien. Am Ende steht ein vollständiger klinisch-psychologischer Befundbericht nach ICD-11, und zwar in beide Richtungen: entweder eine Diagnose als Grundlage für weitere Schritte oder die begründete Feststellung, dass ADHS Ihre Schwierigkeiten nicht erklärt. Termine finden Sie unter www.attentia.at.

Zurück zu den beiden Extrembildern vom Anfang. Weder die erfundene Modediagnose noch die Universalerklärung hält dem Forschungsstand stand. Was bleibt, ist ein gut untersuchtes, stark erblich beeinflusstes Störungsbild, das sich über die Lebensspanne verändert und bei vielen Erwachsenen unentdeckt bleibt. Für die Betroffenen liegt der Unterschied zwischen Vermutung und Diagnose meist genau dort: in der Frage, ob jahrzehntelange Schwierigkeiten als Charakterfehler abgespeichert bleiben oder eine Erklärung bekommen.

Quellen

Faraone SV, Larsson H. Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Mol Psychiatry. 2019;24(4):562–575. doi:10.1038/s41380-018-0070-0

Song P, Zha M, Yang Q, Zhang Y, Li X, Rudan I. The prevalence of adult attention-deficit hyperactivity disorder: A global systematic review and meta-analysis. J Glob Health. 2021;11:04009. doi:10.7189/jogh.11.04009

John A, Stewart GR, Mandy W, et al. Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Children and Adults in England, 2000–2025. Lancet Reg Health Eur. 2026;101740. doi:10.1016/j.lanepe.2026.101740

Hartman CA, Larsson H, Vos M, et al. Anxiety, mood, and substance use disorders in adult men and women with and without attention-deficit/hyperactivity disorder. Neurosci Biobehav Rev. 2023;151:105209. doi:10.1016/j.neubiorev.2023.105209