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ADHS oder …?20. Januar 20265 Min. Lesezeit

ADHS und Schlafprobleme: Warum die Nacht selten zur Ruhe kommt

Um Mitternacht endlich müde, um sieben Uhr wieder wach, als hätte die Nacht kaum stattgefunden.

Eine Person liegt wach im Bett und blickt zur Decke, während durch das Fenster Mondlicht fällt und der Wecker früh blinkt.KI-generiertes Bild

Von Julian Thewes

Viele Menschen mit ADHS kennen dieses Muster seit Jahren und haben es längst als Teil ihres Charakters abgespeichert: Nachtmensch, Morgenmuffel, einfach so. Die Forschung zeichnet inzwischen ein präziseres Bild, und es geht über bloße Gewohnheit hinaus.

Eine verschobene innere Uhr

Bei einem großen Teil der Erwachsenen mit ADHS läuft die innere Uhr schlicht nach hinten versetzt. Eine aktuelle Übersichtsarbeit (Luu & Fabiano, 2025) fasst zusammen: Bis zu 80 Prozent der Erwachsenen mit ADHS berichten von Schlafstörungen, bei bis zu 78 Prozent zeigt sich eine verzögerte Schlaf-Wach-Phase. Die körpereigene Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin setzt bei Erwachsenen mit ADHS im Schnitt rund anderthalb Stunden später ein als bei Menschen ohne ADHS.

Das erklärt ein vertrautes Gefühl: Der Kopf wird gerade dann klar und ruhig, wenn eigentlich Schlafenszeit wäre. Wer sich um 23 Uhr endlich konzentrieren kann, tut das nicht aus Trotz. Die eigene Biologie beginnt und beendet den Tag später, als der Wecker es vorsieht.

Warum das mehr ist als schlechter Schlaf

Die Folgen bleiben nicht auf die Nacht beschränkt. Schlafmangel verstärkt praktisch jedes ADHS-Symptom: Konzentration, Impulskontrolle und emotionale Regulation funktionieren mit wenig Schlaf noch schlechter als ohnehin. Daraus entsteht ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt: Die verzögerte innere Uhr sorgt für zu wenig Schlaf, der fehlende Schlaf verschärft die ADHS-Symptome, die verschärften Symptome erschweren wiederum einen geordneten Tagesablauf, der eine bessere Schlafenszeit begünstigen würde.

Dazu kommt ein Missverständnis von außen. Wer chronisch übermüdet und schwer in Gang zu bringen ist, wird schnell als unmotiviert oder undisziplinet wahrgenommen. Der eigentliche Auslöser, ein biologisch verschobener Rhythmus, bleibt dabei unsichtbar.

Woran Sie den Unterschied zu gewöhnlichen Schlafproblemen erkennen

Gelegentliche schlechte Nächte kennt jeder Mensch. Charakteristisch für die ADHS-typische Verschiebung ist die Konstanz: Das Muster zieht sich durch Wochenenden ebenso wie durch Arbeitstage, durch stressige Phasen genauso wie durch entspannte, und es bestand oft schon in der Jugend, lange bevor Erwachsenenpflichten überhaupt eine Rolle spielten.

Was in der Praxis hilft

Chronotherapeutische Ansätze wie feste Lichtzeiten am Morgen, gedimmtes Licht am Abend und ein Melatonin-Einsatz zur gezielten Verschiebung der inneren Uhr zeigen in Studien positive Effekte auf Schlaf und ADHS-Symptome zugleich. Diese Maßnahmen ersetzen keine Diagnostik, können aber ein sinnvoller erster Ansatzpunkt sein, unabhängig davon, ob am Ende eine ADHS-Diagnose steht oder nicht.

Wenn Ihre Schlafprobleme seit Jahren bestehen und mit weiteren typischen Schwierigkeiten wie Konzentrationsproblemen oder innerer Unruhe zusammenkommen, lohnt sich eine strukturierte Abklärung. Bei Attentia führen klinische Psycholog:innen ADHS-Diagnostik für Erwachsene durch, mit Online-Vorbereitung und persönlichem Interview in Wien. Den Ablauf finden Sie hier, Termine unter www.attentia.at. Mehr zur Erschöpfung lesen Sie in ADHS oder Burnout?.

Quellen

Luu B, Fabiano N. ADHD as a circadian rhythm disorder: evidence and implications for chronotherapy. Front Psychiatry. 2025;16:1697900. doi:10.3389/fpsyt.2025.1697900