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ADHS oder …?3. März 20265 Min. Lesezeit

Prokrastination oder ADHS? Wo Aufschieben aufhört und Diagnostik anfängt

Prokrastination ist so universell, dass sie als Erklärung für fast alles herhalten kann.

Ein Kalender mit vielen überfälligen Aufgaben und eine Person, die stattdessen am Smartphone sitzt.

Von Julian Thewes

Alle schieben auf. Die Steuererklärung, den Zahnarzttermin, das unangenehme Gespräch. Prokrastination ist so universell, dass sie als Erklärung für fast alles herhalten kann. Genau das macht sie zu einem perfekten Versteck für ADHS.

Der Unterschied liegt im Ausmaß und im Muster

Gewöhnliches Aufschieben betrifft vor allem unangenehme Aufgaben und lässt sich mit genug Druck überwinden. Die Deadline rückt näher, der Knoten platzt, die Arbeit wird erledigt. Ärgerlich, aber funktional.

Bei ADHS sieht das Muster anders aus. Betroffene schieben auch Dinge auf, die sie eigentlich wollen: das Hobby, den Anruf bei Freunden, Projekte, für die sie brennen. Der Wille ist da, die Handlung beginnt trotzdem nicht. In der Forschung wird das oft als Störung der Handlungsinitiierung beschrieben, ein Kernproblem der Selbststeuerung, nicht der Motivation. Ein Teil davon hängt mit einer gestörten Zeitwahrnehmung zusammen, mehr dazu in ADHS und Zeitblindheit.

Ein zweites Merkmal: Bei ADHS zieht sich das Aufschieben als Konstante durchs Leben. Es zeigte sich in der Schule, in der Ausbildung, in jeder Beziehung und in jedem Job, unabhängig davon, wie interessant die Aufgaben waren oder wie hoch der Einsatz.

"Das hat doch jeder ein bisschen"

Dieser Satz stimmt und führt gleichzeitig in die Irre. Die Symptome von ADHS sind tatsächlich graduelle Eigenschaften, die jeder Mensch in irgendeinem Ausmaß kennt. Für die Diagnose zählt deshalb das Ausmaß der Beeinträchtigung: Schadet das Muster wiederholt der Ausbildung, dem Beruf, den Finanzen, den Beziehungen? Besteht es seit der Kindheit? Zeigt es sich in mehreren Lebensbereichen gleichzeitig?

Zur Einordnung der Häufigkeit: Eine globale Metaanalyse (Song et al., 2021) schätzt, dass rund 2,6 Prozent der Erwachsenen von seit der Kindheit persistierender ADHS betroffen sind, bei symptomatischer ADHS im Erwachsenenalter liegt die Schätzung bei knapp 7 Prozent. ADHS ist also weder eine Rarität noch eine Modediagnose, die auf jeden Zweiten zutrifft. Weitere verbreitete Missverständnisse räumt 5 Mythen über ADHS bei Erwachsenen aus.

Wann sich eine Abklärung lohnt

Aufschieben allein ist kein Grund zur Diagnostik. Wenn das Aufschieben aber seit Jahren echten Schaden anrichtet, wenn es sich auch auf Dinge erstreckt, die Ihnen wichtig sind, und wenn Konzentrationsprobleme, innere Unruhe oder Vergesslichkeit dazukommen, dann ist die Frage berechtigt, ob mehr dahintersteckt als eine schlechte Angewohnheit.

Eine strukturierte Abklärung beantwortet diese Frage in beide Richtungen. Auch das Ergebnis "kein ADHS" hat Wert, weil es den Blick auf andere Erklärungen freigibt, etwa auf ADHS oder Burnout? oder auf ADHS und Depression. Wie die Diagnostik bei Attentia abläuft, mit Online-Vorbereitung und klinischem Interview in Wien, lesen Sie hier, Termine finden Sie unter www.attentia.at.

Quellen

Song P, Zha M, Yang Q, Zhang Y, Li X, Rudan I. The prevalence of adult attention-deficit hyperactivity disorder: A global systematic review and meta-analysis. J Glob Health. 2021;11:04009. doi:10.7189/jogh.11.04009