Macht Social Media ADHS?
Die ehrliche Antwort ist differenzierter, und sie ist für Betroffene wichtiger, als sie zunächst klingt.
KI-generiertes BildVon Julian Thewes
Die Frage klingt nach Stammtisch, aber sie beschäftigt die Forschung ernsthaft. Wenn immer mehr junge Erwachsene über Konzentrationsprobleme klagen und die Diagnosezahlen steigen, liegt der Verdacht nahe, dass die ständige Reizüberflutung die Ursache sein könnte.
Einen Überblick über die tatsächlich gesicherten Ursachen von ADHS, zu denen Bildschirmzeit nicht gehört, bietet Was ist ADHS?.
Was die Forschung tatsächlich zeigt
Eine der meistzitierten Studien dazu stammt von Ra und Kolleg:innen (2018). Sie begleitete über zwei Jahre rund 2.500 Jugendliche, die zu Beginn keine ADHS-Symptome zeigten. Das Ergebnis: Wer digitale Medien besonders häufig nutzte, zeigte in den Folgejahren mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit ADHS-artige Symptome. Der Zusammenhang war statistisch signifikant, aber moderat, und die Autor:innen betonen selbst, dass er keine Kausalität belegt.
Denn die Verbindung kann in beide Richtungen laufen. Vielleicht schwächt intensive Mediennutzung die Aufmerksamkeit. Genauso plausibel ist das Umgekehrte: Menschen mit ohnehin erhöhter Ablenkbarkeit und Reizsuche fühlen sich von schnellen, ständig belohnenden Plattformen besonders angezogen. Ein Feed, der alle paar Sekunden etwas Neues liefert, ist für ein Gehirn, das nach Stimulation sucht, ein nahezu perfektes Angebot.
Warum die Unterscheidung mehr als Wortklauberei ist
ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die in der Kindheit beginnt und nicht mit sechzehn durch ein Smartphone entsteht. Intensive Mediennutzung kann allerdings ADHS-*ähnliche* Beschwerden hervorrufen: Konzentrationsprobleme, Unruhe, das Gefühl, keinen Gedanken mehr zu Ende denken zu können.
Von außen sehen beide Zustände ähnlich aus. Sie unterscheiden sich aber in einem entscheidenden Punkt: Erworbene Aufmerksamkeitsprobleme hängen an den Gewohnheiten und bessern sich, wenn sich die Gewohnheiten ändern. ADHS war schon da, bevor es Smartphones im eigenen Leben gab, und bleibt auch dann bestehen, wenn das Handy eine Woche im Schrank liegt.
Genau hier setzt seriöse Diagnostik an. Die Frage reicht zurück bis in die Volksschule: Wie ging es Ihnen damals, lange bevor der erste Feed um Ihre Aufmerksamkeit konkurrierte? Deshalb gehört die Kindheitsgeschichte zum Kern jeder ADHS-Abklärung.
Was das für Sie bedeutet
Wenn Ihre Konzentrationsprobleme neu sind und mit Ihrer Bildschirmzeit gewachsen sind, lohnt sich zuerst ein Experiment mit den eigenen Gewohnheiten. Was dabei hilft, haben wir hier zusammengefasst.
Wenn die Schwierigkeiten aber älter sind als Ihr erstes Smartphone, wenn schon Ihre Schulzeit von Ablenkbarkeit, Aufschieben und untergenutztem Potenzial geprägt war, dann greift die Erklärung "zu viel Handy" zu kurz. Dann verdient die Frage eine richtige Antwort, keine Vermutung. Wie eine strukturierte Abklärung bei Attentia abläuft, mit Online-Vorbereitung und klinischem Interview in Wien, lesen Sie hier, Termine finden Sie unter www.attentia.at.
Quellen
Ra CK, Cho J, Stone MD, et al. Association of Digital Media Use With Subsequent Symptoms of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Among Adolescents. JAMA. 2018;320(3):255–263. doi:10.1001/jama.2018.8931