Ständig abgelenkt: Ist meine Aufmerksamkeitsspanne kaputt?
Wenn Ihnen das zunehmend schwerfällt, sind Sie in großer Gesellschaft.
KI-generiertes BildVon Julian Thewes
Ein Buch lesen, ohne nach zwei Seiten zum Handy zu greifen. Einen Film schauen, ohne nebenbei zu scrollen. Eine Aufgabe fertig machen, bevor die nächste beginnt.
Ihre Aufmerksamkeit ist umkämpft
Zunächst eine Entwarnung: Durch Scrollen nutzt sich die Aufmerksamkeitsspanne nicht dauerhaft ab. Verändert hat sich vor allem die Umgebung, in der Ihre Aufmerksamkeit arbeiten muss. Moderne Plattformen sind von Teams aus Expert:innen darauf optimiert, Unterbrechungen zu erzeugen. Dass Konzentration unter diesen Bedingungen schwerer fällt, ist der Zweck dieses Designs.
Wie stark dieser Effekt ist, zeigt ein Experiment von Ward und Kolleg:innen (2017): Allein die sichtbare Anwesenheit des eigenen Smartphones auf dem Tisch reduzierte die verfügbare Denkkapazität der Teilnehmenden, selbst wenn das Gerät ausgeschaltet war und niemand es benutzte. Ein Teil des Arbeitsspeichers ist offenbar damit beschäftigt, das Handy zu ignorieren. Am besten schnitten die Teilnehmenden ab, deren Telefon in einem anderen Raum lag.
Der Selbstversuch, der mehr verrät als jeder Online-Test
Aus diesem Befund lässt sich ein aufschlussreiches Experiment ableiten: Legen Sie das Handy für Ihre nächste konzentrierte Arbeitsphase in einen anderen Raum, nicht in die Tasche, nicht umgedreht auf den Tisch. Wiederholen Sie das über ein bis zwei Wochen.
Bei den meisten Menschen verbessert sich die Konzentration unter diesen Bedingungen spürbar. Die Ablenkbarkeit war an die Umgebung gebunden, und mit der Umgebung verschwindet sie.
Interessant wird es, wenn sich wenig ändert. Wenn die Gedanken auch ohne Handy nach wenigen Minuten abdriften, wenn das Anfangen schwerer bleibt als das Durchhalten, und wenn Sie dieses Muster schon aus Ihrer gesamten Schul- und Ausbildungszeit kennen, dann liegt die Ursache womöglich nicht in der Hosentasche.
Zwei verschiedene Probleme, zwei verschiedene Wege
Umgebungsbedingte Ablenkung und ADHS können sich im Alltag täuschend ähnlich anfühlen. Der Unterschied zeigt sich im Verlauf: Das eine ist neu, situationsabhängig und reagiert auf veränderte Gewohnheiten. Das andere zieht sich als Konstante durchs Leben, zeigt sich in mehreren Lebensbereichen gleichzeitig und bleibt bestehen, egal wo das Handy liegt. Warum diese Unterscheidung auch wissenschaftlich nicht trivial ist, lesen Sie in Macht Social Media ADHS?.
Für das erste Problem helfen bessere Rahmenbedingungen. Für das zweite gibt es eine strukturierte Abklärung durch klinische Psycholog:innen, online vorbereitet und mit persönlichem Interview in Wien, die klärt, was tatsächlich hinter Ihren Konzentrationsproblemen steckt. Den Ablauf finden Sie hier, Termine unter www.attentia.at.
Quellen
Ward AF, Duke K, Gneezy A, Bos MW. Brain Drain: The Mere Presence of One's Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity. J Assoc Consum Res. 2017;2(2):140–154. doi:10.1086/691462