ADHS und Depression: Wenn eine Diagnose die andere verdeckt
Manche Menschen bekommen über Jahre hinweg dieselbe Diagnose, und sie stimmt sogar. Trotzdem wird ihnen nicht wirklich geholfen.

Von Julian Thewes
Hinter der behandelten Erkrankung steht manchmal eine zweite, die nie jemand gesucht hat.
Ein häufiges Duo
Depression gehört zu den häufigsten Begleiterkrankungen von ADHS im Erwachsenenalter. Hartman und Kolleg:innen (2023) fanden bei Erwachsenen mit ADHS ein etwa 4,5-fach erhöhtes Risiko für Depressionen im Vergleich zu Menschen ohne ADHS. Das Zusammentreffen ist also kein Zufall und keine Seltenheit.
Der Zusammenhang lässt sich teilweise aus der Lebensgeschichte erklären. Wer seit der Kindheit erlebt, dass Dinge trotz Anstrengung misslingen, dass Beziehungen an Impulsivität oder Vergesslichkeit leiden und dass die eigene Leistung hinter den Möglichkeiten zurückbleibt, sammelt über Jahrzehnte Erfahrungen von Scheitern und Selbstzweifel. Eine Depression kann auf diesem Boden leichter entstehen.
Warum meist nur die Depression gefunden wird
Wenn Erwachsene professionelle Hilfe suchen, tun sie es in der Regel wegen des akuten Leidensdrucks: gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit, Erschöpfung. Das sind die Symptome der Depression, und sie stehen zu Recht zunächst im Vordergrund der Behandlung.
Die ADHS-Symptome dahinter sind schwerer zu sehen. Konzentrationsprobleme und Antriebsstörungen gehören auch zur Depression, sodass sie bei der Diagnose dort mit eingeordnet werden. Die entscheidende Frage, ob diese Schwierigkeiten schon vor der ersten depressiven Episode bestanden, wird nicht immer gestellt.
Ein Hinweis kann sein, wenn die Depression erfolgreich behandelt wird und die Konzentrationsprobleme trotzdem bleiben. Was nach Behandlungserfolg übrig bleibt, verdient einen zweiten Blick.
Was eine vollständige Diagnose ändert
Beide Erkrankungen sind behandelbar, aber sie brauchen unterschiedliche Ansätze. Wird nur die Depression behandelt, bleibt der Nährboden bestehen, auf dem sie entstanden ist. Wird das ADHS miterkannt, lassen sich beide gezielt angehen, und viele Betroffene verstehen zum ersten Mal, warum frühere Behandlungen nur teilweise gewirkt haben.
Wichtig ist die Reihenfolge im Einzelfall: Bei einer akuten depressiven Episode hat deren Behandlung Vorrang. Eine ADHS-Diagnostik ist dann sinnvoll, wenn sich der Zustand stabilisiert hat, auch weil die Testergebnisse sonst verfälscht sein können.
Der Weg zur Klarheit
Wenn Sie eine Depression kennen und sich zusätzlich in lebenslangen Konzentrations- und Organisationsschwierigkeiten wiedererkennen, sprechen Sie das bei Ihrer Behandlerin oder Ihrem Behandler an, oder lassen Sie es gezielt abklären. Bei Attentia führen klinische Psycholog:innen ADHS-Diagnostik für Erwachsene durch, hybrid in Wien und online, und berücksichtigen dabei bestehende Erkrankungen und Behandlungen. Den Ablauf finden Sie hier beschrieben, Termine unter www.attentia.at. Verwandte Themen: ADHS oder Burnout? und Prokrastination oder ADHS?.
Quellen
Hartman CA, Larsson H, Vos M, et al. Anxiety, mood, and substance use disorders in adult men and women with and without attention-deficit/hyperactivity disorder: a substantive and methodological overview. Neurosci Biobehav Rev. 2023;151:105209. doi:10.1016/j.neubiorev.2023.105209