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ADHS verstehen9. Dezember 20256 Min. Lesezeit

5 Mythen über ADHS bei Erwachsenen

Fünf Behauptungen, die in dieser Diskussion immer wieder auftauchen, im Abgleich mit dem, was die Forschung tatsächlich zeigt.

Eine Lupe auf einem Blatt Papier mit der Aufschrift „ADHS bei Erwachsenen“, durch die Lupe sichtbar ein Gehirn und der Schriftzug „The Truth“.KI-generiertes Bild

Von Julian Thewes

Kaum eine psychische Störung wird so kontrovers diskutiert wie ADHS im Erwachsenenalter.

Wer sich zunächst einen sachlichen Grundüberblick verschaffen möchte, bevor es an die einzelnen Mythen geht, findet ihn in Was ist ADHS?.

Mythos 1: ADHS ist eine Modediagnose der letzten Jahre

Die Diagnosezahlen steigen zweifellos, das allein macht eine Störung aber nicht erfunden. Eine globale Metaanalyse (Song et al., 2021) schätzt die Prävalenz von seit der Kindheit persistierender ADHS bei Erwachsenen auf rund 2,6 Prozent, bei symptomatischer ADHS im Erwachsenenalter auf knapp 7 Prozent, mit vergleichbaren Werten über verschiedene Weltregionen hinweg. ADHS wird heute lediglich häufiger erkannt als früher, nicht häufiger verursacht. Über Jahrzehnte hinweg deutet nichts auf einen tatsächlichen Anstieg der Grunderkrankung hin, wohl aber auf ein gewachsenes Bewusstsein und bessere diagnostische Verfahren im Erwachsenenalter.

Mythos 2: Kinder wachsen aus ADHS heraus

Bei einem Teil der Betroffenen schwächen sich Symptome mit dem Alter tatsächlich ab, besonders die äußerlich sichtbare Hyperaktivität. Vollständig verschwindet die Störung damit aber nicht automatisch. Ein erheblicher Teil der Kinder mit ADHS erfüllt die diagnostischen Kriterien auch im Erwachsenenalter weiterhin, oft mit einer veränderten Erscheinungsform: weniger äußere Unruhe, mehr innere Getriebenheit, Organisationsprobleme und emotionale Übersteuerung.

Mythos 3: ADHS ist die Folge schlechter Erziehung

Diese Annahme hält sich hartnäckig und belastet Eltern und Betroffene gleichermaßen unnötig. ADHS gilt in der Forschung als neurobiologische Entwicklungsstörung mit hoher Erblichkeit, die den Botenstoffhaushalt im Gehirn betrifft. Erziehung kann den Umgang mit Symptomen beeinflussen, zum Besseren oder Schlechteren, sie erzeugt die Störung selbst aber nicht.

Mythos 4: Wer sich stundenlang konzentrieren kann, hat kein ADHS

Genau das Gegenteil ist häufig der Fall. Hyperfokus, die Fähigkeit, sich in ein fesselndes Thema über Stunden zu vertiefen, gehört zum typischen Bild von ADHS. Das eigentliche Problem liegt in der schwer steuerbaren Verteilung der Aufmerksamkeit: Sie lässt sich schwer dorthin lenken, wo sie gerade gebraucht wird, während sie sich bei den richtigen Reizen kaum wieder lösen lässt.

Mythos 5: ADHS-Medikamente sind Dopingmittel für gesunde Menschen

Stimulanzien wirken bei ADHS anders als häufig angenommen. Sie gleichen einen Mangel im Botenstoffhaushalt aus, statt schlicht Leistung zu steigern. Bei Menschen ohne ADHS zeigen dieselben Substanzen ein anderes Wirkprofil und ein anderes Risiko-Nutzen-Verhältnis, weshalb sie ausschließlich nach ärztlicher Diagnose und unter fachärztlicher Kontrolle verschrieben werden. Einen Überblick über gängige Wirkstoffe finden Sie in ADHS-Medikamente für Erwachsene.

Was diese Mythen gemeinsam anrichten

Jeder dieser Mythen hat denselben Effekt: Er hält Menschen mit echten, behandelbaren Schwierigkeiten davon ab, sich abklären zu lassen, weil ihr eigenes Bild von ADHS mit einem verzerrten öffentlichen Bild kollidiert. Wer sich in einigen der oben widerlegten Annahmen selbst wiedererkannt hat, statt in den Fakten dahinter, findet in einer strukturierten Diagnostik eine verlässlichere Antwort als in der öffentlichen Debatte.

Bei Attentia führen klinische Psycholog:innen ADHS-Diagnostik für Erwachsene durch, mit Online-Vorbereitung und persönlichem Interview in Wien. Den Ablauf finden Sie hier, Termine unter www.attentia.at.

Quellen

Song P, Zha M, Yang Q, Zhang Y, Li X, Rudan I. The prevalence of adult attention-deficit hyperactivity disorder: A global systematic review and meta-analysis. J Glob Health. 2021;11:04009. doi:10.7189/jogh.11.04009