Zur Übersicht
Alltag & Beziehungen17. März 20265 Min. Lesezeit

ADHS im Studium: Wenn die Freiheit zum Problem wird

Für Studierende mit unerkanntem ADHS ist es oft der Moment, in dem ein System zusammenbricht, das vorher unauffällig funktioniert hat.

Eine überforderte Studierende sitzt zwischen offenen Büchern und einem Laptop, während der Semesterplan unerledigt bleibt.KI-generiertes Bild

Von Julian Thewes

Das Studium gilt als die freieste Zeit des Lebens. Niemand kontrolliert die Anwesenheit, niemand sammelt Hausübungen ein, und bis zur Prüfung sind es noch Monate.

Die Schule hat mitgeholfen, ohne dass Sie es gemerkt haben

In der Schule war Struktur eingebaut: fixer Stundenplan, tägliche Anwesenheit, Lehrer:innen, die nachfragen, Eltern, die erinnern, Prüfungen in kurzen Abständen. Wer intelligent ist und unter Druck gut funktioniert, konnte ADHS unter diesen Bedingungen jahrelang ausgleichen, meist ohne zu wissen, dass da etwas auszugleichen war.

Das Studium entzieht diese Stützen an einem einzigen Tag. Übrig bleibt genau das, was bei ADHS am schwersten fällt: sich selbst Struktur geben, über Monate auf ein fernes Ziel hinarbeiten und anfangen, obwohl niemand kontrolliert.

Woran Sie das Muster erkennen

Typisch ist eine Schere, die sich im Semester öffnet: Am Anfang läuft es, die Vorlesungen sind neu und interessant. Dann wächst der Berg. Vorlesungen werden geschwänzt, weil ohnehin schon zu viel Stoff fehlt. Die Prüfungsanmeldung wird verschoben, dann die Prüfung selbst. In den letzten Tagen vor dem Termin passiert plötzlich alles auf einmal, in durchgearbeiteten Nächten, mit einem Ergebnis, das irgendwie reicht und weit unter dem liegt, was möglich wäre.

Dazu kommt häufig ein Nebeneinander, das Außenstehende verwirrt: dieselbe Person, die keine Seminararbeit rechtzeitig beginnt, kann acht Stunden ohne Pause an einem Thema sitzen, das sie fesselt. Hyperfokus und Ablenkbarkeit gehören zusammen, denn die Aufmerksamkeit lässt sich in beide Richtungen schwer willentlich steuern.

Wichtig zur Einordnung: Einzelne Semesterkrisen, Prüfungsangst oder eine Phase der Orientierungslosigkeit erlebt fast jede:r Studierende. Der Unterschied liegt in der Beständigkeit. Wenn sich das Muster durch jedes Semester zieht, wenn es schon in der Schulzeit da war und nur weniger auffiel, und wenn es auch andere Lebensbereiche betrifft, dann lohnt sich ein genauerer Blick. Mehr dazu, wo gewöhnliches Aufschieben endet, lesen Sie in Prokrastination oder ADHS?.

Warum sich die Abklärung gerade jetzt lohnt

Studienabbrüche, verlorene Semester und zerbrochenes Selbstvertrauen sind teure Umwege. Eine Diagnose ändert die Studienbedingungen nicht über Nacht, aber sie öffnet Türen: gezielte Behandlung, wirksamere Strategien als der nächste Selbstoptimierungsversuch, und an vielen Hochschulen auch formale Unterstützung, etwa in Form von Nachteilsausgleichen bei Prüfungen. Vor allem beendet sie die zermürbendste aller Erklärungen, nämlich die, dass Sie einfach nicht genug wollen.

Bei Attentia führen klinische Psycholog:innen ADHS-Diagnostik für Erwachsene durch, auch für Studierende, mit einem Online-Teil, der sich neben dem Semester erledigen lässt, und einem klinischen Interview persönlich in Wien. Den Ablauf finden Sie hier, Termine unter www.attentia.at. Nach dem Studium folgt oft der nächste Umbruch: Warum die ADHS-Diagnose oft erst mit dem Berufseinstieg kommt.