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ADHS verstehen26. Juni 20257 Min. Lesezeit

Men's Mental Health Month: Wenn Männer ihre eigenen Symptome überhören

Männer sterben drei- bis viermal häufiger durch Suizid als Frauen. Trotzdem gilt Depression gesellschaftlich noch immer eher als Frauenthema.

Zwei Männer sitzen an einem Küchentisch und führen ein ernstes, unterstützendes Gespräch über psychische Gesundheit; einer hört aufmerksam zu, während der andere spricht.KI-generiertes Bild

Von Julian Thewes

Wann haben Sie zuletzt einen Mann gefragt, wie es ihm wirklich geht, und eine ehrliche Antwort bekommen?

Der Juni ist Men's Mental Health Month. Ein Anlass, diesen Widerspruch anzusprechen und ihn mit einem Thema zu verbinden, das selten zur Sprache kommt: ADHS bei erwachsenen Männern.

Zahlen, die niemand gern hört

Laut der Anxiety and Depression Association of America (ADAA) erlebt fast jeder zehnte Mann eine Depression oder Angststörung. Weniger als die Hälfte von ihnen sucht sich professionelle Unterstützung. Viele haben schlicht nie gelernt, dass Hilfe suchen erlaubt ist.[2]

Diese Zurückhaltung hat viel mit Sozialisierung zu tun: Stärke zeigen, keine Schwäche eingestehen, einfach weitermachen. Wer mit solchen Erwartungen aufgewachsen ist, deutet innere Unruhe, Erschöpfung oder Konzentrationsprobleme oft als persönliches Versagen. Als behandelbares Anliegen kommt das selten in Frage.

Die zweite Schicht

Bei Erwachsenen mit ADHS kommt ein weiterer Faktor hinzu. Hartman und Kolleg:innen fanden im Vergleich zu Menschen ohne ADHS ein etwa fünffach erhöhtes Risiko für Angststörungen, ein 4,5-fach erhöhtes Risiko für Depression und ein 4,6-fach erhöhtes Risiko für Suchterkrankungen bei Erwachsenen mit ADHS.[3]

Ein Teil davon lässt sich dadurch erklären, wie ADHS und männliche Sozialisierung sich überschneiden. Wer ständig gegen innere Unruhe und Überforderung ankämpft, greift häufiger zu Alkohol oder anderen Substanzen, um sich selbst zu regulieren – ein Muster, das in der Forschung als Selbstmedikationshypothese beschrieben wird.[4] Auffällig wird dann der Konsum oder die Reizbarkeit, nicht die Konzentrationsschwierigkeiten dahinter. Behandelt wird oft nur, was sichtbar ist, wenn überhaupt.

Gleichzeitig bleibt ADHS bei Erwachsenen insgesamt oft unentdeckt. John und Kolleg:innen zeigten anhand britischer Primärversorgungsdaten: Während die internationale Schätzung für die ADHS-Prävalenz bei Erwachsenen bei 3 bis 5 Prozent liegt, fällt die Zahl der tatsächlich dokumentierten Diagnosen deutlich geringer aus, am stärksten bei älteren Erwachsenen.[5] In der klinischen Forschung gilt diese Lücke außerdem als besonders ausgeprägt bei Frauen — warum das so ist, weil sich ADHS bei ihnen häufiger unauffällig zeigt und dadurch später oder gar nicht erkannt wird. Bei Männern liegt der Grund seltener in der Erkennbarkeit der Symptome als im Zugang: Wer nie über das Thema spricht oder Symptome über Substanzen kompensiert, taucht in keiner Diagnose auf, bevor überhaupt ein Verdacht entsteht.

Der erste Satz ist der schwerste

Das beginnt banal und ist trotzdem der schwerere Teil: darüber reden, mit Freunden, der Familie, Kolleg:innen. Psychische Gesundheit ist keine Schwäche, unabhängig von Geschlecht oder Alter, und das gilt genauso für die Vermutung, selbst von ADHS betroffen zu sein. Wer über einen längeren Zeitraum das Gefühl hat, den eigenen Alltag trotz Anstrengung nicht in den Griff zu bekommen, muss das nicht alleine mit sich ausmachen.

Klarheit statt Vermutung

Wenn sich einiges davon vertraut anfühlt, kann eine strukturierte Abklärung ein sinnvoller erster Schritt sein. Es geht dabei darum, herauszufinden, was tatsächlich dahinterstecken könnte.

Bei Attentia führen klinische Psycholog:innen genau diese Abklärung durch: ein strukturiertes diagnostisches Gespräch, das Symptome, Verlauf und Auswirkungen auf den Alltag erfasst. Am Ende steht ein klares Ergebnis, das Gewissheit schafft, ob ADHS die Erklärung ist oder eben nicht.

Wenn Sie sich fragen, ob eine Abklärung für Sie Sinn macht, finden Sie unter www.attentia.at mehr zum Ablauf und können einen ersten Termin vereinbaren.

Vielleicht beginnt das damit, einen Mann öfter zu fragen, wie es ihm wirklich geht. Und zuzuhören, wenn die Antwort keine Floskel ist.

Quellen

[1] Garnett, M. F. & Curtin, S. C. Suicide Mortality in the United States, 2002–2022. https://stacks.cdc.gov (2024).

[2] Men's Mental Health Resources. https://adaa.org/find-help/by-demographics/mens-mental-health.

[3] Hartman, C. A. et al. Anxiety, mood, and substance use disorders in adult men and women with and without attention-deficit/hyperactivity disorder: A substantive and methodological overview. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 151, 105209 (2023).

[4] Wilens, T. E. Attention-deficit/hyperactivity disorder and the substance use disorders: the nature of the relationship, subtypes at risk, and treatment issues. Psychiatr Clin North Am 27, 283–301 (2004).

[5] John, A. et al. Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Children and Adults in England, 2000–2025: Recorded Prevalence and Diagnostic Trends in a Population-Based Observational Study Using Routinely Collected Primary Care Data. The Lancet Regional Health - Europe 101740 (2026) doi:10.1016/j.lanepe.2026.101740.