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Diagnostik•26. September 2026•7 Min. Lesezeit

Woran man eine gute ADHS-Diagnostik erkennt

Zwei Menschen, fast derselbe Fragebogenwert, aber nur eine Person hat ADHS. Was S3-Leitlinie und der britische Qualitätsstandard AQAS von einer ADHS-Abklärung verlangen und welche Fragen Sie einem Angebot vorab stellen können.

Illustration einer Gesprächssituation in einem hellen Behandlungsraum: Ein Mann im grauen Pullover sitzt mit einer Tasse im Sessel, ihm gegenüber macht sich eine Psychologin mit Brille auf einem Tablet Notizen, im Vordergrund liegen Unterlagen und ein Stift auf dem Tisch.

Von Julian Thewes

Zwei Menschen füllen denselben ADHS-Fragebogen aus und erreichen fast denselben Wert. Die eine Person hat ADHS. Die andere schläft seit einem Jahr schlecht, weil ihr Kind nachts wach wird, und kann sich deshalb kaum konzentrieren. Auf dem Papier sehen beide gleich aus. Was sie unterscheidet, zeigt erst eine sorgfältige ADHS-Diagnostik, und genau deshalb gibt es Standards dafür, wie eine solche Abklärung aussehen muss. Derzeit prägen zwei Regelwerke, was als Goldstandard der ADHS-Abklärung bei Erwachsenen gilt: die S3-Leitlinie aus dem deutschsprachigen Raum und ein neuerer britischer Qualitätsstandard namens AQAS.

Warum es keinen Labortest für ADHS gibt

Wer von einem Goldstandard hört, denkt oft an ein Messgerät oder einen Laborwert. Bei ADHS gibt es so etwas nicht. Ein Expert:innengremium des UK Adult ADHD Network hält fest, dass derzeit weder Biomarker noch kognitive Tests oder bildgebende Verfahren ausreichend treffsicher sind, um ADHS zu diagnostizieren (Adamou et al., 2024). Zum selben Ergebnis kommt ein internationales Konsenspapier der World Federation of ADHD, das 80 Forschende aus 27 Ländern gemeinsam verantworten (Faraone et al., 2021).

Der Goldstandard ist deshalb die ausführliche klinische Untersuchung durch eine qualifizierte Fachperson. Ihr Kern ist ein halbstrukturiertes Interview: Die Fragen folgen einem festen Leitfaden, lassen aber Raum für Nachfragen und konkrete Beispiele aus Ihrem Leben. Fragebögen und computergestützte Tests haben in dieser Untersuchung ihren Platz, als zusätzliche Informationsquelle. Warum ein Selbsttest allein keine Diagnose ersetzen kann, beschreibt der Artikel ADHS-Test für Erwachsene ausführlicher.

Was die S3-Leitlinie zu ADHS vorgibt

Im deutschsprachigen Raum ist die interdisziplinäre S3-Leitlinie zu ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter der wichtigste Bezugsrahmen (AWMF-Registernummer 028-045). S3 ist die höchste Stufe im Leitliniensystem: Die Empfehlungen beruhen auf systematischer Literaturrecherche und werden von Vertreter:innen mehrerer Fachgesellschaften gemeinsam abgestimmt. Österreich hat keine eigene Leitlinie dieser Stufe, deshalb wird die deutsche Fassung auch hierzulande häufig als Referenz herangezogen.

Die aktuelle Fassung stammt aus dem Jahr 2018. Ihre Grundsätze zur Diagnostik sind klar formuliert: Die Diagnose wird klinisch gestellt, auf Basis einer genauen Erhebung der Symptome, ihres Beginns in der Kindheit und ihrer Auswirkungen im Alltag. Angaben von Bezugspersonen sollen, sofern verfügbar, einfließen, andere Erkrankungen müssen abgegrenzt werden, und testpsychologische Verfahren können ergänzen, tragen die Diagnose aber nicht allein.

Die formale Gültigkeit dieser Fassung ist inzwischen abgelaufen, und die Forschung hat sich seit 2018 weiterentwickelt. Unter Leitung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim wird die Leitlinie deshalb umfassend aktualisiert, gefördert über den Innovationsfonds des deutschen Gemeinsamen Bundesausschusses. Im Mai 2026 hat die AWMF eine Konsultationsfassung veröffentlicht, zu der Fachleute bis 23. Juni Stellung nehmen konnten. Sobald die endgültige Fassung vorliegt, wird dieser Beitrag aktualisiert.

Seit November 2025 gibt es zusätzlich ein österreichisches Konsensus-Statement zu ADHS im Erwachsenenalter, herausgegeben von der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB). Es beschreibt die ADHS-Diagnose ebenfalls als klinische Diagnose, die alle verfügbaren Informationen einbezieht und nicht allein auf Testergebnissen beruhen kann. Eine Fremdanamnese mit Menschen, die die betroffene Person als Kind kannten, hält es für ratsam, und als Instrument zur Strukturierung der Diagnostik nennt es unter anderem die DIVA-5 (Vanicek et al., 2025).

Der britische Standard AQAS

Der Adult ADHD Assessment Quality Assurance Standard (AQAS) befasst sich ausschließlich mit der ADHS-Abklärung bei Erwachsenen. Er wurde 2024 vom UK Adult ADHD Network (UKAAN) veröffentlicht. Die neun Autor:innen bringen gemeinsam Erfahrung aus der Arbeit mit über 20.000 Erwachsenen mit ADHS mit. Sie haben den Standard in einem mehrstufigen Konsensverfahren erarbeitet und in mehr als zehn Überarbeitungsrunden abgestimmt (Adamou et al., 2024).

Die Leitlinie beschreibt, welche Elemente zu einer Diagnostik gehören. Der AQAS wird an vielen Stellen konkreter und legt fest, woran man eine gute Abklärung im Einzelnen erkennt. Die wichtigsten Anforderungen:

  • Dauer: In den meisten Fällen mindestens zwei Stunden direkter Kontakt, in einer oder mehreren Sitzungen.
  • Interview: Ein halbstrukturiertes Interview, etwa mit der DIVA, das alle 18 Kernsymptome sowohl für heute als auch für die Kindheit erfasst. Ausdrücklich keine Checkliste zum Abhaken.
  • Beeinträchtigung: Die Symptome müssen in mindestens zwei Lebensbereichen zu einer zumindest mittelgradigen Beeinträchtigung führen, etwa in Ausbildung, Beruf, Partnerschaft oder Alltagsorganisation.
  • Fremdanamnese: Wann immer möglich Angaben von Bezugspersonen, idealerweise jemandem, der Sie als Kind kannte.
  • Abgrenzung: Systematisches Screening auf andere psychische Erkrankungen und weitere neurologische Entwicklungsstörungen, dazu der Blick auf körperliche Erkrankungen.
  • Befundbericht und Besprechung: Ein Bericht, der nachvollziehbar begründet, warum die Kriterien erfüllt sind oder nicht, und ein Gespräch darüber, was das Ergebnis für Ihr Leben bedeutet.

Eine Untersuchung per Videotermin ist nach dem AQAS zulässig, solange ein direktes Gespräch stattfindet, in dem die untersuchende Person gezielt nachfragen kann.

Das im AQAS genannte Interview DIVA wurde von der niederländischen DIVA Foundation entwickelt und liegt inzwischen als DIVA-5 vor, angepasst an die Kriterien des DSM-5. Auch der europäische Expertenkonsens zur ADHS bei Erwachsenen nennt die DIVA als Beispiel für ein empfohlenes halbstrukturiertes Interview (Kooij et al., 2019). Die DIVA geht jedes der 18 Symptome einzeln durch, getrennt für das Erwachsenenalter und die Kindheit, und bietet zu jedem typische Alltagsbeispiele an, an denen sich Betroffene orientieren können. Für die Vorgängerversion DIVA 2.0 stimmten in einer Validierungsstudie mit 40 Patient:innen die Diagnosen vollständig mit denen eines etablierten Diagnose-Interviews überein (Ramos-Quiroga et al., 2019).

Warum nach der Kindheit gefragt wird

ADHS ist eine Entwicklungsstörung. Die Symptome beginnen in der Kindheit und ziehen sich wie ein roter Faden durch die Biografie, auch wenn sie sich mit dem Alter verändern. Der AQAS spricht von einem überdauernden Muster, das über die Zeit und über verschiedene Lebensbereiche hinweg besteht. Konzentrationsprobleme, die erst mit 35 in einer belastenden Lebensphase auftauchen und davor nie ein Thema waren, sprechen eher für eine andere Ursache.

Viele Erwachsene zögern an diesem Punkt, weil sie sich an ihre Schulzeit kaum erinnern. Das ist normal und kein Hindernis. Ein gutes Interview fragt konkret nach: Wie lief das Erledigen der Hausübungen ab? Was stand in den Zeugnisbemerkungen? Wie haben Lehrkräfte Sie beschrieben? Hier helfen oft auch Menschen, die Sie damals erlebt haben, etwa Eltern oder Geschwister. Wie früh sich ADHS zeigt und was die Ursachen sind, erklärt der Überblick Was ist ADHS?.

Wenn etwas anderes dahintersteckt

Der anspruchsvollste Teil jeder Abklärung ist die Frage, ob etwas anderes die Beschwerden besser erklärt. Unkonzentriertheit, innere Unruhe und Vergesslichkeit treten auch bei Depressionen, Angststörungen, Schlafmangel, Traumafolgen oder Schilddrüsenerkrankungen auf. Der AQAS nennt darüber hinaus Autismus, Tic-Störungen und Legasthenie als Bedingungen, auf die gezielt geachtet werden soll. Die Abgrenzung zu Autismus ist besonders anspruchsvoll, weil beide Diagnosen auch gemeinsam vorliegen können, wie der Artikel über AuDHD beschreibt.

Der Ausschluss ist dabei nur die halbe Aufgabe. ADHS tritt häufig gemeinsam mit anderen Erkrankungen auf, und eine gute Diagnostik unterscheidet, was Ursache und was Folge ist. Jahrelange Überforderung kann zum Beispiel in eine depressive Episode münden, die dann im Vordergrund steht. Wie sich diese Bilder überschneiden, lesen Sie in ADHS und Depression und ADHS oder Burnout?.

Fragen, die Sie vorab stellen können

Ein paar Fragen helfen, die Qualität eines Angebots einzuschätzen. Wie lange dauert das direkte Gespräch? Wird Ihre Kindheit ausführlich besprochen, oder bleibt es bei aktuellen Beschwerden? Wird geprüft, ob andere Ursachen infrage kommen? Erhalten Sie einen schriftlichen Befund, der seine Schlussfolgerung begründet, und haben Sie Gelegenheit, das Ergebnis mit der Fachperson zu besprechen?

Ein Angebot, das eine Diagnose allein auf Grundlage von Online-Fragebögen verspricht, erfüllt keinen der beiden Standards. Das gilt auch für Abklärungen, bei denen niemand mit Ihnen persönlich oder per Video spricht.

So arbeitet Attentia

Bei Attentia orientiert sich die ADHS-Diagnostik an der Leitlinie und an den Anforderungen des AQAS. Im Online-Teil, der höchstens eine Stunde dauert, erfassen Sie in Ihrem Tempo die Anamnese, wissenschaftlich geprüfte Fragebögen und computergestützte Tests. Diese Ergebnisse fließen als zusätzliche Information in die Beurteilung ein. Im Zentrum steht ein zweistündiger Termin mit einer klinischen Psychologin oder einem klinischen Psychologen, der eine ausführliche psychologische Exploration und das halbstrukturierte Interview DIVA-5 umfasst. Er findet persönlich in Wien statt oder, wenn eine Anreise nicht möglich ist, per sicherer Videosprechstunde; den Termin vor Ort empfehlen wir. Wann immer es für die Beurteilung nötig ist, beziehen wir Angaben von Bezugspersonen oder alte Schulzeugnisse ein. In einer Befundbesprechung erläutern wir das Ergebnis. Sie erhalten einen vollständigen klinisch-psychologischen Befundbericht mit Diagnosen nach ICD-10 und ICD-11.

Die digitalen Bausteine strukturieren den Ablauf, jede klinische Bewertung trifft eine qualifizierte Fachperson. Den genauen Ablauf beschreibt Wie läuft eine ADHS-Diagnostik ab?, Termine finden Sie unter www.attentia.at.

Zurück zu den beiden Menschen mit demselben Fragebogenwert: Eine Abklärung nach diesen Standards würde bei der einen Person ADHS feststellen. Bei der anderen würde sie auf den fehlenden Schlaf hinweisen, und das ist für diese Person genauso wertvoll.

Quellen

Adamou, M., Arif, M., Asherson, P., Cubbin, S., Leaver, L., Sedgwick-Müller, J., Müller-Sedgwick, U., van Rensburg, K., & Kustow, J. (2024). The adult ADHD assessment quality assurance standard. Frontiers in Psychiatry, 15, 1380410. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2024.1380410

AWMF (2018). Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte (S3) Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“. AWMF-Registernummer 028-045. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045

Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., et al. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789–818. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2021.01.022

Kooij, J. J. S., Bijlenga, D., Salerno, L., et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14–34. https://doi.org/10.1016/j.eurpsy.2018.11.001

Ramos-Quiroga, J. A., Nasillo, V., Richarte, V., Corrales, M., Palma, F., Ibáñez, P., Michelsen, M., Van de Glind, G., Casas, M., & Kooij, J. J. S. (2019). Criteria and concurrent validity of DIVA 2.0: A semi-structured diagnostic interview for adult ADHD. Journal of Attention Disorders, 23(10), 1126–1135. https://doi.org/10.1177/1087054716646451

Vanicek, T., Höflich, A., Unterholzner, J., Rujescu, D., & Kasper, S. (2025). ADHS im Erwachsenenalter. Diagnostik, Komorbiditäten und medikamentöse Therapie. Konsensus-Statement der ÖGPB. Sonderheft JATROS Neurologie & Psychiatrie, November 2025. https://oegpb.at/wp-content/uploads/2025/11/Konsensus-Statement-ADHS.pdf